Grannie Yin war einst die beliebteste junge Frau in den umliegenden Dörfern. Ihre geschickten Hände vollbracht…
Grannie Yin war einst die beliebteste junge Frau in den umliegenden Dörfern.
Ihre geschickten Hände vollbrachten Wunder mit Nadel und Faden, verwandelten Lumpen in Reichtum und Fetzen in Schätze in nur wenigen Augenblicken.
Doch dann stürmten die Banditen die Stadt. Häuser fielen, Leben gingen verloren, und mit niemandem mehr, für den sie nähen konnte, schienen ihre Talente verschwendet.
Doch sie weigerte sich aufzugeben, entschlossen, einen neuen Sinn zu finden. Und das tat sie.
Die Lebenden sehnen sich nach Würde. Die Toten verdienen Ganzheit.
Und dieselben Hände, die einst mit Seide umgingen, nähten nun abgetrennte Glieder wieder zusammen, rekonstruierten Gesichter, bis sie fast lebendig aussahen.
Als die Kriege endeten, wurden die Wunden begraben, doch ihr Hass wucherte weiter.
Sie wurde die gefürchtetste Näherin des Jianghu.
Zuerst die Banditen, die der Gerechtigkeit entkommen waren. Dann die Opportunisten, die im Chaos gediehen. Schließlich wurde jeder, der Unschuldige verletzte, zu Stoff für ihre Nadel.
Sie riss sie auseinander, nähte sie wieder zusammen, formte ihre Körper um und hoffte, ihre verdorbenen Seelen zu heilen.
Doch Xue Chou hielt sie auf. Keine Menge an Näharbeit kann Böses in Gutes verwandeln oder die Vergangenheit wiederbeleben. Er fürchtete, sie würde sich in der Rache verlieren.
Also wurde Grannie Yin wieder eine Näherin, diesmal in einem Laden auf dem Geisterlicht-Markt.
Ihr Haar war weiß geworden. Ihre legendären Hände zitterten nun.
Doch mit der Nadel in der Hand vollbringt sie immer noch Wunder, haucht Verfall neuem Leben ein und verwandelt Wertloses in Freude.