Eine stumme alte Frau verkaufte Kerzen, die sie "Jungfernkerzen" nannte. Das Wachs war blass und durchscheinen…
Eine stumme alte Frau verkaufte Kerzen, die sie "Jungfernkerzen" nannte. Das Wachs war blass und durchscheinend, und wenn sie angezündet wurden, verströmten sie einen süßen, betörenden Duft. Es ging das Gerücht um, dass das Talg aus den Knochen unverheiratet verstorbener Mädchen gewonnen wurde. Zünde eine an, hieß es, und du würdest sehen, wonach sich dein Herz am meisten sehnte.
Ein widerspenstiger junger Mann kaufte eine, verriegelte seine Tür und entzündete sie. Durch den süß duftenden Dunst und das flackernde Licht nahm die Gestalt des Nachbarsmädchens, nach dem er sich lange gesehnt hatte, Form an. Sie lächelte, mit Grübchen und allem, und streckte ihre Hand aus, als wollte sie ihn in einen Tanz ziehen. Er saß wie versteinert, Tag und Nacht, und verzichtete auf Essen und Trinken.
Am dritten Tag wurde die Süße sauer. Die Gestalt des Mädchens begann zu verfaulen. Ihr Fleisch löste sich vor seinen Augen, enthüllte weiße Knochen, die ihn mit hohlen Augenhöhlen und einem grinsenden Kiefer anstarrten. Er taumelte, um zu fliehen, aber seine Beine waren wie Blei, schwer wie gegossenes Wachs. Dann zuckte die Flamme. Das Skelett sprang aus dem Feuer, eiskalte Knochenfinger schlossen sich um seine Kehle.
Der Dorfälteste brach die Tür auf, als der Geruch unerträglich wurde. Er fand den jungen Mann steif auf seinem Stuhl sitzen, die Augen weit aufgerissen, ein seltsames starres Lächeln auf seinem Gesicht. Die Kerze war bis auf nichts heruntergebrannt und hinterließ eine trübe Fettlache auf dem Tisch, süße Fäulnis lag schwer in der Luft. Kerzenwachs hatte einen Pfad bis zum Boden gezogen und sich zu drei verdrehten Schriftzeichen abgekühlt: "Komm mit mir."
Das Nachbarsmädchen war drei Tage zuvor bei einem Einbruch gestorben. Als das Dorf sie begrub, fehlte ihr ein Wirbel in der Wirbelsäule.