Der Himmel öffnete sich und Regen fiel. Mittags schien noch die Sonne hell, doch nach einem schnellen Bissen v…
Der Himmel öffnete sich und Regen fiel.
Mittags schien noch die Sonne hell, doch nach einem schnellen Bissen verdunkelte sich der Himmel. Eine kühle Brise trug einen feinen Nebel aus Regentropfen und webte eine sanfte, feuchte Kühle durch die Luft.
In der lebhaften Taverne stiegen und fielen Stimmen in munterem Geplauder. Doch direkt hinter den Wänden durchbohrte der Regen fallende Blätter, und die Welt draußen schrumpfte auf das leise Prasseln der Tropfen.
Lan Ao stand unter dem geschützten Vordach, ihr Blick verloren im seidigen Schleier des Regens. Durch den Dunst tauchte eine Hand auf, die einen bescheidenen Schirm hielt.
Sie drehte sich um, und da war Fang Bai, sein Gesicht strahlend mit einem offenen, unbeschwerten Lächeln.
Von da an ging Lan Aos Schatten nicht mehr allein.
Fang Bai verbarg nie seine Gefühle. Wann immer sie zusammen waren, umkreiste er sie wie ein Motte, die vom Licht angezogen wird, und redete unaufhörlich von "Liebe", "Verehrung" und "Vermissen", ohne sich je zurückzuhalten.
Zuerst wurde Lan Ao etwas unwirsch. Doch mit der Zeit gewöhnte sie sich an diese unermüdliche Wärme und damit an den stillen Trost, nicht mehr allein zu sein.
Jeden Morgen, wenn Lan Ao erwachte, stand eine warme Tasse Wasser still an ihrem Bett. Fang Bai wusste nie genau, wann sie aufstehen würde, doch er sorgte stets dafür, dass es nie kalt war.
Wenn sie in die Ferne zog, fragte er nie nach ihrem Ziel, nur wann sie nach Hause zurückkehren würde. Wenn sie sich verspätete, wartete er im Dunkeln mit einer hochgehaltenen Laterne.
Sobald ihre Silhouette erschien, winkte er wild, sein Gang wurde zum Trab, dann zum vollen Lauf, seine Augen leuchtend mit flackerndem Licht.
Und dann war da der Kamm. Ein Strich bis zum Ende, und die Liebe fließt mit der Maserung. Er flüsterte, dass er sich sehnte, sich gegenseitig die Haare zu kämmen, bis sie grau und alt wären.
Lan Ao hatte einmal erwogen, alles wegzuwerfen, ihm einfach von dem Gift in ihrem Blut zu erzählen. Doch sie wagte nicht, dieses Risiko einzugehen. Sie war nicht bereit, es zu wagen. Alles, was sie tun konnte, waren Bruchstücke des Glücks aus ihrer täglichen Angst zu stehlen, bis es kein Entrinnen mehr gab.
"Zisch." Die Kerze brannte zu Ende. Lan Ao schreckte auf, ihre Finger umklammerten den Kamm fester. Es war das Einzige, was sie gedankenlos mitgenommen hatte, als sie von ihm ging.