Text
Text

Der Himmel war an diesem Tag überraschend klar. Das Fenster im Zimmer stand halb offen. Eine leichte Brise weh…

Der Himmel war an diesem Tag überraschend klar. Das Fenster im Zimmer stand halb offen. Eine leichte Brise wehte durch den Hof – sogar ein paar Vogelstimmen waren zu hören. Shen Yu legte die Flöte behutsam auf den Tisch. Dann blickte sie auf und traf den Blick des bronzenen Spiegels vor ihr. Zum ersten Mal betrachtete sie ihr eigenes Spiegelbild wirklich. Sie sah das Gesicht im Spiegel – und das Lächeln, das sie so viele Jahre lang getragen hatte, unverändert. Sie erinnerte sich an die Oberfläche des Teichs, als sie zwölf war. Doch diesmal hielt sie keinen Stein in der Hand. Also hob sie schweigend ihren Arm – und zerschmetterte den Spiegel. Dann wartete sie auf das Geräusch von Schritten. Sie sah Menschen hereinströmen, erschrocken vom Lärm, ihre Stimmen laut, durcheinander, fragend, was passiert sei. Doch in diesem Moment klangen diese Stimmen so nah und doch so fern. Sehr, sehr fern. Shen Yu sagte nichts. Sie starrte nur auf die Glasscherben. In diesen Splittern war das falsche Lächeln in Stücke zerbrochen – zusammen mit ihrem Spiegelbild, zusammen mit dem Mädchen, das sie einst gewesen war. Dann hörte sie eine Stimme, ganz nah. Es war die alte Shen Yu, die ihr ins Ohr flüsterte: "Wenn es dir so wehtut, mich zu sehen, dann lass uns nie wieder aufeinandertreffen." Sie hob den Kopf und hörte, wie sie nach der Flöte fragten, die auf dem Tisch lag. Sie hob den Kopf noch einmal, betrachtete sie gelassen und sagte: "Sagt Vater, er soll kommen." "Sagt ihm, dass ich heute eine Geschichte zu erzählen habe."

Kommentare

Der Himmel war an diesem Tag überraschend klar. Das Fenster im Zimmer stand halb offen. Ei… | Where Winds Meet Datenbank