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"Wird der Vogel heute Nacht kommen?" Als der Mond tief zwischen den Ästen hing und das Haus schlief, verweilte…

"Wird der Vogel heute Nacht kommen?" Als der Mond tief zwischen den Ästen hing und das Haus schlief, verweilte Shen Yu am Fenster, ihre Gedanken schweiften. Seit jener unerwarteten Begegnung in jener Nacht war Xiao Shi wie ein ruheloser Vogel in ihre Welt geflattert und hatte die Ruhe ihres geordneten Lebens durcheinandergebracht. Nacht für Nacht brachte er kleine Schmuckstücke und Geschichten mit, plauderte über belebte Straßen und die wilde Freiheit des Jianghu – Welten, die sie nie gekannt hatte. Ihm zuzuhören, fühlte sich für Shen Yu an, als hätte auch sie Flügel bekommen, durch die Menge schwebend, ihr Herz leichter und freier als je zuvor. Für alle anderen war sie immer noch die makellos gefasste Miss Shen – lächelnd, anmutig, unfehlbar charmant. Sie wusste genau, wie man die Zuneigung der Menschen gewinnt. Doch nur in der Einsamkeit konnte sie ihre Wache fallen lassen und sie selbst sein. Aber was bedeutete "sie selbst" wirklich? "Heute Nacht... er wird nicht kommen, oder?" Als die Nacht tiefer wurde und der Mond höher stieg, verweilte Shen Yu am Fenster, ihre Gedanken schweiften. Hatten ihre wiederholten Ablehnungen ihn endlich entmutigt? Doch wenn sie ihn nie wegstieß, würde ihr einziges Stückchen Freiheit verschwinden, sobald ihr Vater es herausfand. Schlimmer noch, ihr Verlobter – der einzige Sohn des Kommandanten – würde bald zurückkehren. Wie viele Nächte wie diese blieben noch? Shen Yu wusste, dass sie den Pflichten und Erwartungen, die ihr von Geburt an auferlegt wurden, niemals entfliehen konnte, noch dem Schicksal, das der Name ihrer Familie für sie gemeißelt hatte. Ein Leben voller Privilegien verlangte seine Opfer. Doch in den stillen Stunden, wenn das Haus schlief, nagte der Zweifel an ihr. "Heute Nacht werde ich das Fenster nicht öffnen." Als der Mond seinen Zenit erreichte, erklang ein vertrautes Geräusch draußen – Xiao Shi, der Vogelrufe auf seiner Flöte nachahmte. "Er ist gekommen." Wo hatte er so einen seltsamen Trick gelernt? Shen Yu konnte nicht anders, als zu lächeln. Oft fragte sie sich, ob es wirklich richtig war, die Regeln nur dieses eine Mal zu brechen. Durfte sie ihrem Herzen folgen? Doch beim Klang seiner Flöte schmolz all ihre Zögerlichkeit dahin. Sie blickte auf das fest verschlossene Fenster und seufzte... doch am Ende streckte sie die Hand aus und öffnete es.

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