Jahre später raubten Überschwemmungen dem Land erneut seine Lebenskraft. Trübes Wasser breitete sich aus und z…
Jahre später raubten Überschwemmungen dem Land erneut seine Lebenskraft. Trübes Wasser breitete sich aus und zog sich zurück; die sengende Sonne backte den Schlamm zu harter Kruste. Hunger und Tod beraubten die Menschen abermals ihrer Würde.
Doch zum allerersten Mal dampfte Mutter zwei Weißmehlbrötchen und drückte sie Celestial Candle in die Hände. Egal wie sehr ihr kleiner Bruder weinte und tobte, Mutter und Vater gaben die Brötchen nur ihr.
Es war das Köstlichste, das Celestial Candle je gegessen hatte. Sie konnte sich nicht überwinden, beide aufzuessen, und versteckte eines in ihren Kleidern. Gleichzeitig legte man ihr einen Grasring auf den Kopf.
"Von nun an lerne, dich allein zurechtzufinden." "Wenn es wehtut, schreie nicht. Sei artig."
Noch bevor das versteckte Brötchen in ihren Kleidern abkühlte, wurde Celestial Candle fortgeführt. Sie sah, wie ihre Eltern ein anderes Mädchen mit nach Hause nahmen. In der Annahme, sie mit jemandem zu verwechseln, weinte und wehrte sie sich verzweifelt. Doch ihre Eltern blickten nie zurück.
Erst viele Jahre später begriff sie, wie viel Glück in ihrem Unglück verborgen war.
Kinder verkaufen, Söhne tauschen um zu essen - Hunger und Tod verwischten die Grenze zwischen Mensch und Tier.
Der Alte Mann, der sie gekauft hatte, wetzte sein Schlachtmesser immer wieder, um schließlich zu seufzen. Er ließ das Messer fallen, nahm eine zerbrochene Schale und einen Bambusstock und führte sie gen Westen.
Der Alte Mann führte Celestial Candle über den Bach. Sie hatte zu viel Angst, auch nur einen Schritt zu tun. Mit strenger Miene trieb er sie unnachgiebig voran, einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen.
Wieder stieg das eisige, trübe Wasser über ihre Füße, dann die Waden, die Taille, die Brust... Verängstigt kämpfte sie darum, ihren zitternden, zerbrechlichen Körper im Gleichgewicht zu halten. Doch als sie die Hand ausstreckte, fand sie die des Alten Mannes - still hinter ihr schwebend, sie die ganze Zeit über beschützend.