Können diejenigen, die die Riten vollziehen, wahrlich mit den Göttern kommunizieren? Zhu En weiß es nicht. In …
Können diejenigen, die die Riten vollziehen, wahrlich mit den Göttern kommunizieren?
Zhu En weiß es nicht. In ihrem ganzen Leben als Fangxiang-Ritualistin, das über den Aufstieg und Fall unzähliger Dynastien hinweg reicht, hat sie nie die Stimme eines Gottes gehört. Die einzigen Stimmen, die sie erreichten, waren menschliche.
Die Stimmen der Toten, beladen mit unerfüllten Wünschen; die Stimmen der Lebenden, die Gebete für Vermögen darbringen... Durch den Nuo-Ritus vereinen sich diese menschlichen Stimmen in ihren Ohren. Sie sind der eigentliche Grund, warum sie den Altar besteigt und den Nuo-Tanz aufführt.
Manche fragen: Fürchtet sie nicht die Last so vieler Stimmen?
Angst? Wovor sollte man Angst haben?
Wenn sie von Geistern sprechen, was gibt es da zu fürchten? Sie sind nur die letzten Splitter der Besessenheit, die von den Verstorbenen zurückgelassen wurden, Stimmen und Gesichter, die als letztes Beweisstück ihrer Zeit auf Erden dienen. Sobald die Besessenheit verblasst, schwinden auch sie.
Und wenn sie von Göttern sprechen, welche Angst soll da sein? Der Nuo-Tanz ist ein Ritus für das Göttliche, doch die Götter bleiben unsichtbar und schweigsam. Es sind Menschen, die den Altar unter ihren Füßen erbauten, und Menschen, die die zahllosen Masken schnitzten. Selbst sie, als Fangxiang-Ritualistin, ist nur eine Sterbliche, die eine Maske trägt.
Ob ein Ritus das Schicksal wirklich verändern kann, vermag Zhu En nicht zu sagen. Sie weiß nur, dass wenn die Kranken geheilt werden, es durch die Fürsorge des Arztes geschieht; wenn große Hallen entstehen, es durch die Mühen der Handwerker geschieht; und wenn das Lachen andauert, es daran liegt, dass die Menschen noch Hoffnung für das Kommende hegen. Um dieser Hoffnung willen arbeiten sie und harren jeden Tag aus. Sie hören niemals auf, trotz der Mühsal oder Erschöpfung.
In jeder Angelegenheit, die sie bezeugt hat, hat Zhu En nur menschliche Anstrengung gesehen. Daher ist es für sie weit schrecklicher, sich einfache Leute vorzustellen, die inmitten von Katastrophen und Krieg alle Hoffnung verloren haben, als die Kraft von Geistern und Göttern zu fürchten. Wenn Mühe kein Echo findet, und wenn der morgige Tag kein Licht bietet, dann ist es, egal wie grandios die jährlichen Nuo-Riten sind oder wie die Trommeln den Himmel erschüttern mögen, nur eine hohle Illusion, ein Schauspiel, an das niemand glaubt.
Nun lichten sich die Wolken und enthüllen den Mond, während frischer Schnee fällt. In einem flüchtigen Moment der Klarheit scheint sie einen Klang zu hören, einen, auf den sie ein Leben lang gewartet hat.