Wer sich selbst nicht retten kann, kann auch andere nicht retten. Zhu Yu hatte immer gedacht, es sollte umgeke…
Wer sich selbst nicht retten kann, kann auch andere nicht retten. Zhu Yu hatte immer gedacht, es sollte umgekehrt sein. Diejenigen, die andere nicht retten können, sind diejenigen, die sich wahrlich nicht selbst retten können. Das Zheng-Anwesen in Kaifeng war kein Haus von Prestige mehr, obwohl man noch immer über seine Wohltätigkeit flüsterte. Man sagte, der junge Erbe gab oft trockene Rationen an vorbeiziehende Bettler, um deren Mägen zu füllen. Zhu Yu selbst hatte einst ein Bündel Brot aus seiner Hand erhalten.
Bevor sie Silver Needle verließ, sagte ihr Meister oft, Güte sei die seltenste Tugend in einer von Chaos zerrissenen Welt. Damals hatte Zhu Yu es nicht ganz verstanden. Erst nach ihrer langen Reise nach Kaifeng, nach allem, was sie gesehen hatte, begriff sie es wirklich. Güte war selten, nicht weil die Menschen von Natur aus böse waren, sondern weil sie in unruhigen Zeiten am schwersten zu überleben hatte. Einige Güten wurden von Gewalt niedergemetzelt. Viel mehr erlagen der Last der sich verhärtenden Herzen. Manchmal wusste Zhu Yu nicht mehr: War es die Grausamkeit der Welt, die das Gute in den Menschen zerstörte? Oder die Grausamkeit der Menschen, die das Gute der Welt zerstörte?
Dieses Kind hatte die Klingen überlebt. Aber ob es die Bosheit in den Herzen der Menschen überleben würde, wusste Zhu Yu nicht. Das Feuer tobte weiter und verschlang den Jahrhundertglanz der Zheng-Familie zusammen mit unzähligen ruhelosen Seelen. Inmitten des Flammenmeeres kniete eine schmächtige Gestalt allein, ihr zerbrechlicher Rücken störrisch aufrecht. Sein Blick flackerte im züngelnden Feuerschein, schwankte und versank langsam im Schatten, wie ein Asura, der einen schrecklichen Entschluss fasste. Würde dieses Kind das Böse im menschlichen Herzen überleben?
"Waaah—"
Ehe Zhu Yu weiter nachdenken konnte, durchdrang das Schreien eines Neugeborenen die Ruinen. Die Morgendämmerung war angebrochen. Das lange vermisste Sonnenlicht beleuchtete ein verstecktes Bündel, ein winziges, gewickeltes Baby und ein klapperndes Spielzeug. Es beleuchtete die Blutflecken auf Zhu Yus Schwert. Es beleuchtete die Dunkelheit, die die Augen des Kindes umhüllte. Zhu Yu wischte das Blut von ihrem Gesicht, steckte ihr Schwert ein und streckte die Hand aus.
"Zhu Yu von Qingxi."
"Zheng E... aus Xingyang."