Die fünfzehn- oder sechzehnjährige Liu Xian war so dünn, dass sie praktisch nur aus Haut und Knochen bestand, …
Die fünfzehn- oder sechzehnjährige Liu Xian war so dünn, dass sie praktisch nur aus Haut und Knochen bestand, die Art, die einen anstach.
Und so war auch ihr Charakter, oder zumindest sagten das die Frauen, die mit ihr arbeiteten. "Sie mag ein wenig lächeln, aber sie rührt keinen Finger, um jemandem zu helfen. Fässt keine Arbeit an, die nicht ihre ist! Und was für ein Temperament, als ob sie Angst hätte, dass alle es auf sie abgesehen haben. Ach, und vergiss nicht, wie sie immer dem Vorarbeiter schöntut."
Nachdem sie untereinander gemurmelt hatten, fügten sie hinzu: "Nun, es ist ja nicht so, als hätte sie eine andere Wahl. Was bleibt ihr schon übrig? Heutzutage leben nur die Reichen gut."
Und damit löste sich die Gruppe auf.
Weil sie so war, sagten sie: "Sie hat Angst, dass alle es auf sie abgesehen haben."
Wäre sie es nicht, würden sie sagen: "Geschieht ihr recht, wenn man sie schikaniert."
Sie würde Ersteres dem Zweiten vorziehen. Letzteres hatte sie schon einmal erlebt. Es tat zu weh. Es ließ sie weinen.
Später, als die Zeit verging und sie sich häufiger begegneten, begannen die Klatschbasen, sie direkt auszufragen, während sie an ihren gedämpften Brötchen kauten.
"Wo ist dein Vater?"
"Abgehauen."
"Deine Mutter?"
"Tot."
Sie sagte es so scharf, dass sie sprachlos zurückblieben, ihr Mitleid nicht mit ihrer Schroffheit mithalten konnte.
"Früh gestorben. Ich erinnere mich nicht an sie." Jedes Mal, wenn sie das sagte, flackerte Verständnis in ihren Augen auf. Ah, kein Wunder.
Und in diesen Momenten erinnerte sie sich an jene Nacht, das einzige Fragment, an das sie sich erinnern konnte...
Die Frau, die nie freundlich zu ihr gewesen war, starrte sie weinend an, unzusammenhängend vor sich hin plappernd. Liu Xian verstand kein Wort, sah nur, wie sich ihre fischartigen Lippen lautlos öffneten und schlossen.
Sie klammerte sich an Liu Xians Hand, bis ihr Griff erschlaffte. Schließlich berührte Liu Xian dieses hageres Gesicht und spürte nur eine einzige feuchte Spur von ihrem Auge. Eine letzte Träne. Warum weinen?, fragte sie sich. Sterben muss wehtun.