Als Luhua klein war, lebte sie nicht auf einem Boot, sondern in einem Dorf mit ihrer Mutter. Für eine Weile wa…
Als Luhua klein war, lebte sie nicht auf einem Boot, sondern in einem Dorf mit ihrer Mutter.
Für eine Weile war das Dorf nicht so verlassen. Angelnetze hingen in Reihen entlang des Flusses zum Trocknen, und sonnengetrocknete Fische füllten die Höfe. Kinder sammelten sich in kleinen Gruppen, jagten Hühner durch die Gassen, bis die Ältesten sie aufsammelten und in eine Richtung schickten: zum Haus des Ältesten Li.
Ältester Li war der einzige gebildete Mann des Dorfes. "Gebildet" mag ein zu großes Wort sein; in Wahrheit beherrschte er nicht mehr als die Hälfte des Klassikers der Poesie. Doch in diesem Winkel der Welt gebot allein die Lesefähigkeit Respekt. So wurde jedes Kind im entsprechenden Alter zum Haus des Ältesten Li geschickt, um das Schreiben zu lernen.
Mutter pflegte zu sagen, dass Luhua, wenn die Zeit gekommen sei, ebenfalls bei Ältestem Li studieren würde.
Doch dieser Tag brach nie an. Als die Feuer des Krieges näher rückten, wurden Besuche im Haus des Ältesten Li seltener, ersetzt durch lange Stunden, in denen man nach wildem Grünzeug auf den Flussauen suchte.
Ältester Li hatte eine Enkelin namens Xia. Obwohl sie und Luhua die Jüngsten im Dorf waren, kehrte Xia immer mit einem Korb voller Kräuter zurück.
Und Luhuas Korb war ebenso voll.
"Warum hast du nur Unkraut gesammelt? Und wilde Pilze... Mutter hat mir gesagt, die sind gefährlich. Sie machen dich krank."
"Gras... ist Gras." Luhua zeigte auf Xias Korb, dann auf ihren eigenen und nickte mit einem einfachen, abwesenden Blick.
"Nein, nein, sie sind ganz verschieden! Komm, folge mir, ich zeige es dir."
An diesem Abend war Luhuas Mahlzeit mit viel schmackhafterem wildem Grünzeug verfeinert.
Danach sah man oft zwei kleine Schatten am Wasser: einen, der die Suche nach Wilder Wicke anführte, und einen, der hinterher folgte.
"Lasst uns die Wicke sammeln, denn die Wicke ist weich und neu", sang Xia und hielt eine frische Handvoll fest.
"Heimwärts, sagen wir, obwohl das Jahr sich dem Ende neigt", wiederholte Luhua und hielt ihr eigenes Bündel.
"Vor langer Zeit, als ich aufbrach, schwankten die Weiden in der Brise..." Luhua stockte. "Xia... was ist eine 'Weide'?"
Xia hielt inne, verblüfft. "Eine Weide... Meister sagt, es ist ein Baum mit Blättern so lang, länger als deine Zöpfe. Meine Mutter sagte, du und deine Tante seien von weit her gekommen. Vielleicht wachsen sie in deinem wahren Zuhause?"
Luhua nickte und grub sich die Worte ins Herz. In dieser Nacht erzählte ihr ihre Mutter, dass ihr Zuhause keine Weiden hatte, nur tintenschwarze Berge, silberweiße Gewässer und Schnee, der in endlosen Driften fiel.
Nach diesen Worten summte ihre Mutter eine Melodie für sie.
Der Text entging ihr, aber die Melodie blieb. Als sie für Xia sang, füllte sie die Lücken mit den Versen, die sie kannte: "Lasst uns die Wicke sammeln... Heimwärts, sagen wir... Die Weiden schwankten... Der Schnee fiel dick..."
Xia lächelte. "Dann sind unsere Heimen ein und dasselbe", sagte sie. "Sie sehen beide so weiten, weißen Schnee..."
Der Fluss floss kristallklar. Während die Dorfältesten ihrer Arbeit nachgingen, suchten die beiden Mädchen am Ufer nach Wicke, ihre Stimmen erhoben sich im Gesang.
Das Lied war ihr Pakt. "Wenn du mich zum Spielen suchst, sing einfach 'Lasst uns die Wicke sammeln'", sagte Xia und klopfte auf ihre Brust. "Und wenn ich meinen Weg hinausfinde, antworte ich mit 'Vor langer Zeit, als ich aufbrach' und rudere mit meinem Boot zu dir."
Doch dann kam ein Tag, an dem ihre Mutter sie weit vom Dorf wegbrachte, und Xia erschien nicht mehr.
Am ersten Tag ruderte Luhua hinaus und sang: "Lasst uns die Wicke sammeln..." Xias Fenster blieb verschlossen.
Am zweiten Tag ruderte Luhua hinaus und sang: "Heimwärts, sagen wir..." Xia warf die Schilfpuppe und das kleine Windrad hinaus, die Luhua ihr geschenkt hatte.
Der dritte Tag... der zehnte...
Luhua ruderte hinaus, wie sie es immer tat, und sang: "Vor langer Zeit, als ich aufbrach, schwankten die Weiden..." Xia öffnete endlich ihr Fenster, aber nur, um zu rufen: "Du! Du kommst von der Seite der fremden Invasoren! Du hast kein Recht, unser Lied zu singen!"
Luhua konnte nicht begreifen, warum Xia ihr das Lied verbot, warum die Echos verstummt waren oder warum ihre Mutter sie von dem einzigen Zuhause, das sie kannte, weggeführt hatte. Doch sie erinnerte sich so lebhaft:
"Unsere Heimen sind ein und dasselbe. Sie sehen beide so weiten, weißen Schnee."
Der Schnee fällt auch dieses Jahr wieder. Mutter... Ältester Li... Xia... Werden sie jemals zurückkehren?